…zumindest ein ganz kleines Bisschen.
Die Buche
Barfuß stehe ich in der warmen Pfütze auf dem regenfeuchten Pflaster, könnte gerade die ganze Welt umarmen, eins werden mit dieser kugelbunten Erdenscheibe. Wie von selbst beginnt mein zehiges Wurzelwerk, sich durch den eisigen, toten Stein des Kopfsteinpflasters zu brechen, bis es auf wohlig-krumiges Erdreich trifft. Dort verzweigt es sich, umschlingt vorsichtig kalte Rohre und Leitungen, die sich narbig durch den Boden – meinen Boden – ziehen. Meine Haut wird hart, sie borkt und krümmt sich, unter meiner knubbeligen Rindennase wächst mein erstes Astloch. Das Dröhnen meiner sprießenden Blätter reckt mich der Sonne entgegen, meine Krone ist mir längst über den hölzernen Kopf gewachsen. Frische Triebe festigen sich, verholzen. Es wird Sommer.
Ich war in den letzten Wochen so sehr mit wachsen beschäftigt, dass ich gar nicht bemerkt habe, dass sich mir gegenüber eine hübsche junge Buche eingepflanzt hat. Sie hat einen geraden Stamm, eine unglaublich glatte Rinde und wunderschöne, schlanke Äste. Ihr Blattwerk ist von einem kräftigen dunklen Grün und wunderbar regelmäßig. Sie ist perfekt. Wenn ich sie ansehe, fließen meine Säfte wohlig warm durch mein Kernholz. Ich glaube, ich habe mich verliebt.
Sie hat mir zugewunken! Ich wiegte mich im leichten Wind, der unser beider Kronen umspielte, und sah zu ihr hinüber, da neigten sich ihre Zweige zur Seite und ihr Blattwerk bedeckte kurz kokett ihre süßen kleinen Astlöcher am Stamm.
Sie wurzelt mit mir! Langsam und zärtlich umschlingen ihre schlanken, eleganten Würzelchen meine nach ihr ausgestreckten Rhizoide. Jede ihrer Berührungen ist mir klarer, perlender Regen in meinem Blattwerk. In mir keimt es, ich könnte – ich will die ganze Welt überwuchern, ich möchte Blütenstände ausbilden. Doch nur SIE möchte ich bestäuben, meine einzige Liebe, den einzigen Baum, der mein Kernholz erweicht und zum sprießen bringt. Mit ihr möchte ich kleine Eckerchen haben, mit ihr verwurzelt möchte ich hier stehen, bis ich, bis wir beide fallen.
Der missratene kleine Haselstrauch dort hinten hat es gewagt, meine Buche anzustäuben. Wenn ich doch bloß hinüber wachsen, sein Wurzelwerk umschlingen und erdrücken könnte, auf dass er an meinem hölzernen Griff ersticke und sie, die schönste aller Buchen, meine Buche nie mehr belästigen könne. Ich wünsche ihm die Borkenkäfer an den Leib und Feuer ins Geäst!
Meine Freude könnte kaum größer sein. Gestern kam während des Regens – nass sieht ihr schlanker Stamm noch hinreißender aus – ein Mensch mit Säge und Axt vorbei und beseitigte den unflätigen, verkrüppelten Strauchling. Jetzt sind wir wieder ungestört und allein. Einige Vögel zwitschern übermütig in ihrer Krone – sie scheinen meiner Meinung zu sein. Im leichten Wind neige ich mich ein Stück zu ihr, sie lässt ihre Blütenstände lasziv in der leichten Brise wiegen. In mir kocht der Saft über, ich vergesse alle schüchterne Vorsicht und beginne, zärtlich in ihre Richtung zu stäuben…
Ich werde Papa! Überall in ihren schlanken Zweigen hängen die prallen Fruchtstände, in denen kleine Eckern heranwachsen, aus denen im nächsten Jahr kleine Buchen schlüpfen werden, hoch gewachsen wie ihr Vater und grazil und anmutig wie ihre Mutter. Es wird wohl langsam Herbst, langsam schleichen sich gelbe und rote Töne in ihr sonst so grünes Laub – sie sieht damit hinreißend aus – und ich habe mir wohl irgendwann in den letzten Wochen Eichhörnchen eingefangen…meine Rinde in der Krone juckt in letzter Zeit recht oft. Bald ist es so weit, bald ist der große Tag, an dem meine – unsere – Eckern fallen.
Gemeinsam decken wir am Anfang des Winters mit unserem bunten Laub unsere Kinder zu, bevor wir uns selbst zur Ruhe begeben. Ihr Griff an meinen Wurzeln ist in dieser kalten Jahreszeit warm und beruhigend, er hilft mir, jenen tiefen Punkt in mir zu finden, in dem ich, in meine rauschenden Gedanken vertieft, den grimmen Frost verschlummern kann…
Ein kurzes Reißen an meinen Wurzeln reißt mich jäh aus meiner winterlichen Starre. Irgendetwas stimmt nicht, ihr Griff fühlt sich so leer, so kalt, so tot an. Als ich weit genug aus meiner Starre erwacht bin, versuche ich sie anzusehen, ihr mitzuteilen, dass alles in Ordnung ist. Doch nichts ist in Ordnung. Dort, wo sie das ganze letzte Jahr über gestanden hat, blühend vor Kraft und Leben und mich, mich glücklichen Baum anlächelte, steht jetzt nur noch ein blanker, nackter, toter Stumpf, der mich mit seiner anklagenden Schnittkante vorwurfsvoll anstarrt. Die Liebe meines borkigen Lebens – einfach so von meiner Seite gerissen, von wütendem Kettensägezahn dahingerafft. Wie grausam ist diese Welt, dass nicht einmal zwei Bäume gemeinsam ihre Kinder wachsen sehen können? Wozu noch wachsen, wozu noch Blätter tragen, wenn wir doch am Ende nur der Säge anheim fallen? Wozu?
Der Frühling kommt, um mich her explodiert die Welt im Grün zum Himmel strebender Pflanzen. Alle treiben sie aus, selbst der krüppelige Haselstrauch, den ich noch im letzten Jahr für ausgelöscht hielt, sprießt wieder frech aus seinem Wurzelstock hervor, doch sie, sie steht kalt und tot da, eine Narbe in dieser Welt, in meiner Welt, und auch ich trage kein Laub, habe keine Lust zu knospen. Das einzige, das das winterliche Eis aus meinem Kernholz zu verdrängen mag, sind unsere Sprösslinge, die den Eckern entwachsen sind und sich nun dem Licht der Sonne entgegen recken. Behutsam ziehe ich meine Wurzeln aus dem Wurzelwerk meiner toten Liebe zurück und lasse mein Geäst in Trauer zu Boden hängen. Meine Zehen entwurzeln sich, die Äste werden kleiner und verfingern. Ich entrinde mich und streiche mit meinen noch leicht borkigen Fingerkuppen über einen mir wohlbekannten Stumpf. Dann verlasse ich die Fußgängerzone und gehe nach Hause.
Nachtrag: The beginner’s guide to tree hugging